Weiblichkeit neu definieren

Wie fange ich damit an? Ich möchte noch einmal versuchen zu beschreiben, was die gesamte Krebstherapie in mir ausgelöst hat: ein tiefes, lähmendes Gefühl der Fremdbestimmung. Die Krebserkrankung und mein genetisches Risiko ließen mir keine Wahl. Sie zwangen mich zu radikalen Eingriffen wie der Mastektomie und der Ovarektomie. Danach fühlte sich mein eigener Körper wie ein Verräter an. Nicht mehr wie mein Zuhause. Beide Operationen greifen tief in das ein, was unsere Gesellschaft als weibliche Identität definiert. Selbst jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, wie schmerzhaft dieses Thema nach wie vor für mich ist.

Es fühlt sich an wie der Verlust der äußeren Symbole und der inneren Essenz. Die sichtbarste Zeichen weiblicher Identität und der biologische Motor, der für das Erleben von Weiblichkeit verantwortlich ist, werden einem genommen.

Wegen der BRCA-1-Genmutation wurde mir dringend empfohlen, auch die Eierstöcke entfernen zu lassen. Dieser Schritt senkt das Krebsrisiko um ganze 90 Prozent. Die endgültige Entscheidung traf ich am Ende natürlich selbst. Doch wenn man in der eigenen Familie miterleben musste, wie Großmutter und Mutter an Eierstockkrebs erkrankten, trägt man diese Bilder unweigerlich vor Augen. Die Beratungsgespräche mit den Ärzten machten die rationale Entscheidung zwar schnell klar, was dieser Entschluss jedoch emotional mit einer Frau macht, steht auf einen anderen Blatt.

Die Ovarektomie hat mich zutiefst erschüttert. Die Operation an sich verlief unkompliziert und war schnell überstanden. Da ich durch die Chemotherapie ohnehin schon in den Wechseljahren war, kam der hormonelle Umschwung zumindest nicht völlig abrupt. Dennoch unterschätzte ich, was das Fehlen dieser wichtigen Botenstoffe im Alltag bedeutet. Für meinen Körper und meine Seele.

Das sensible Thema Kinderwunsch hatte ich bereits in den ersten Gesprächen zur Krebstherapie komplett für mich abgehakt. Ich war 36 Jahre alt. Ich hatte nie den großen Drang Mutter zu werden, liebte die Unabhängigkeit und hatte schlichtweg nie den richtigen Partner dafür an meiner Seite. Zudem wollte ich mich während der anstrengenden Therapie nicht auch noch diesem enormen psychischen Druck aussetzen. Der Krebs hat mir diese Entscheidung letztlich abgenommen. Punkt. Für mich war das völlig in Ordnung.

Doch was bedeutet das danach überhaupt noch, eine Frau zu sein? Direkt nach der Krebstherapie und den Operationen stellte ich mir diese Frage merkwürdigerweise gar nicht. Für mich ging das Leben erst einmal weiter. Bis ich eines Tages aufwachte und spürte: Hier läuft gerade etwas gewaltig schief.

Mir wurde schmerzhaft bewusst, dass mein Körper nach der Chemotherapie nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen kann, sondern auch die schweren Operationen erst einmal verarbeiten muss. Das hatte ich bis dahin komplett ignoriert.

Unsre Zellen, die Haare und das gesamte Gewebe brauchen nach einer Chemotherapie und der massiven hormonellen Umstellung oft Jahre, um ein neues Gleichgewicht zu finden. Es gibt kein Zurück mehr in das Leben vor der Diagnose, es gibt nur den Weg nach vorne. Mein Versuch, genau dort weiterzumachen, wo ich vor der Erkrankung aufgehört hatte, führte mich direkt in die Frustration. Man muss sich selbst die Erlaubnis geben, die neue Version seiner selbst erst einmal kennenzulernen. Diese Erkenntnis nimmt enorm viel Druck heraus. Mein Körper funktioniert durch die Ovarektomie nun unter völlig anderen biologischen Voraussetzungen. Ohne die eigenen Hormone tickt die innere Uhr einfach anders. Das musste ich erst mühsam lernen, akzeptieren und dafür kämpfen, mich in meiner eigenen Haut wieder wohlzufühlen.

Das Schönste an diesem Weg ist rückblickend, dass ich mich zum ersten Mal neu mit meinem Körper auseinandersetze. Ich habe zwar schon immer gesund gelebt und Sport gemacht, aber nie wirklich bewusst. Heute achte ich beim Training auf meinen Puls und frage mich bei der Ernährung gezielt, was mein Körper gerade wirklich braucht. Nie zuvor habe ich mich so achtsam um mich selbst gekümmert. Ich versuche mehr Schlaf zu bekommen und gönne mir Pausen. Es ist ein wunderbarer Prozess: Ich lerne, die Signale meines Körpers neu zu lesen, feiere meine Fortschritte und schenke mir selbst das Mitgefühl, das ich verdiene. Ich bin dadurch zur besten Version meiner selbst geworden.

Mein Körper hat Enormes geleistet. Er hat eine schwere, lebensveränderte Erkrankung überstanden und stellt sich nun auf eine völlig neue Lebensphase ein. Er verdient liebevolle Fürsorge statt unbarmherzigen Leistungsdruck.

Weiblichkeit ist nicht an Organe, Hormone oder Brüste gebunden. Es braucht viel Zeit und Geduld, die eigene Identität jenseits rein biologischen Merkmalen ganz neu zu entdecken.